Gleichstellung in 171 Jahren? Strukturelle Veränderung ist überfällig!

Petra Geschwendtner

Die aktuellen Zahlen des Gender Snapshot Reports 2026 zu den Sustainable Development Goals (SDGs) verdeutlichen: Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter sind nicht selbstverständlich. Frauen und Mädchen sind weltweit weiterhin mit strukturellen Benachteiligungen konfrontiert – insbesondere bei der Verteilung unbezahlter Sorgearbeit, beim Zugang zu politischen und wirtschaftlichen Entscheidungspositionen, bei Einkommen und bei der Sicherheit vor geschlechtsspezifischer Gewalt. Der Report der Vereinten Nationen zeigt auch: Bei gleichbleibendem Tempo würde es noch unglaubliche 171 Jahre dauern, bis die Geschlechtergleichstellung erreicht ist. Außer bei weiblicher politischer Entscheidungsmacht, hier sind eindeutig bessere Ergebnisse bei den SDGs erkennbar.

Zentrale und doch seit langem bekannte Befunde

  • Unbezahlte Sorgearbeit: Frauen übernehmen weiterhin deutlich mehr unbezahlte Betreuungs-, Pflege- und Haushaltsarbeit als Männer. Diese ungleiche Verteilung beeinflusst Bildungs- und Erwerbschancen ebenso wie die Möglichkeit zur politischen und gesellschaftlichen Teilhabe.
  • Politische Teilhabe: Frauen sind in politischen Entscheidungspositionen weiterhin unterrepräsentiert. Ihr Anteil an den Parlamentssitzen liegt weltweit bei 27,4 %, bei lokalen Regierungspositionen bei 35,6 %. Besonders in zentralen politischen Ressorts sind Frauen nach wie vor weniger stark vertreten.
  • Gewalt und politische Teilhabe: Gewalt, Bedrohungen und Einschüchterungen gegenüber Frauen im politischen Raum stellen eine erhebliche Barriere für politische Beteiligung dar. Ein wirksamer Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt ist daher auch eine Voraussetzung für gleichberechtigte gesellschaftliche und politische Teilhabe.
  • Einkommensunterschiede: Auch in Führungspositionen bestehen in zahlreichen Ländern Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern. Der Zugang zu verantwortungsvollen Positionen allein beseitigt bestehende strukturelle Ungleichheiten daher nicht.
  • Zivilgesellschaft und Frauenorganisationen: Frauen- und Gleichstellungsorganisationen leisten einen wesentlichen Beitrag zu Beratung, Prävention, Interessenvertretung und gesellschaftlicher Veränderung. Eine verlässliche Finanzierung ist eine wichtige Voraussetzung für die nachhaltige Sicherung dieser Strukturen.

Warum Gleichstellung politisch relevant ist

Geschlechtergleichstellung ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Wo Frauen in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen unterrepräsentiert sind, besteht die Gefahr, dass ihre Lebensrealitäten und spezifischen Bedürfnisse weniger berücksichtigt werden – etwa in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Arbeit, soziale Sicherheit, Wohnen oder Klimapolitik. Gleichstellungspolitik bedeutet daher nicht nur die Beseitigung individueller Benachteiligungen. Sie setzt auch bei den strukturellen Rahmenbedingungen an, die Chancen, Ressourcen und gesellschaftliche Teilhabe beeinflussen. Der Bericht zeigt, dass eine stärkere Beteiligung von Frauen an politischen Entscheidungsprozessen mit einer stärkeren Berücksichtigung geschlechtergerechter Politik und Fortschritten in zentralen gesellschaftlichen Handlungsfeldern verbunden ist.

Was muss passieren

  • Gleichstellung strukturell verankern: Verbindliche Gleichstellungsziele und geeignete gesetzliche Rahmenbedingungen können dazu beitragen, den Frauenanteil in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungspositionen nachhaltig zu erhöhen.
  • Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt stärken: Gewalt gegen Frauen und frauenfeindlich motivierte Übergriffe müssen konsequent verfolgt und sanktioniert werden. Ein wirksamer Schutz vor Gewalt ist eine wesentliche Voraussetzung für gesellschaftliche und politische Teilhabe.
  • Frauenarbeit nachhaltig absichern: Frauen- und Gleichstellungsorganisationen benötigen eine verlässliche, langfristige und bedarfsgerechte Finanzierung, um ihre Beratungs-, Präventions- und Unterstützungsangebote dauerhaft sicherstellen zu können.
  • Rollenbilder verändern – Gleichstellung stärken: Diskriminierende Rollenbilder müssen aktiv bekämpft werden – in Medien, Bildung und Gesellschaft.

Geschlechtergleichstellung ist eine zentrale sozial- und demokratiepolitische Aufgabe. Sie erfordert nicht nur individuelle Chancengleichheit, sondern auch die Veränderung struktureller Rahmenbedingungen. Nachhaltige Gleichstellung entsteht dort, wo politische Teilhabe, wirtschaftliche Unabhängigkeit, Schutz vor Gewalt und eine gerechte Verteilung von Sorgearbeit zusammengedacht und langfristig abgesichert werden.

Gleichstellung entsteht nicht von selbst – sie braucht politische Verantwortung, strukturelle Veränderungen und konsequentes Handeln. Dahinter steht ein kontinuierlicher Aushandlungsprozess, in dem feministische Perspektiven und Stimmen unverzichtbar bleiben.

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