Eine gemeinsame Studie von IGLYO und FEANTSA zeigt, wie familiäre Ausgrenzung, Diskriminierung und fehlender Zugang zu leistbarem Wohnraum die Wohnungslosigkeit von LGBTQI-Kindern und Jugendlichen begünstigen. Gleichzeitig macht sie erhebliche Lücken in Prävention und Versorgung sichtbar.

Der Bericht „A Safe Home for Every LGBTQI Child and Young Person“ (September 2026) bündelt wissenschaftliche Erkenntnisse und die Erfahrungen von 82 zivilgesellschaftlichen Organisationen aus 29 Mitgliedstaaten des Europarats, darunter auch Österreich. Die Literaturauswertung wurde von Dr. Camilla Lasagna und Dr. Elena Tubertini erstellt, die Befragung von Simon Carpentier ausgewertet. Herausgegeben wurde die Studie gemeinsam von der International LGBTQI Youth & Student Organisation (IGLYO) und der FEANTSA, dem europäischen Dachverband der Wohnungslosenhilfe.
Die zentralen Erkenntnisse lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen:
1. Familiäre Ausgrenzung ist ein wesentlicher Auslöser
Ablehnung durch die Herkunftsfamilie, Konflikte und Gewalt zählen zu den häufigsten unmittelbaren Auslösern von Wohnungslosigkeit. Besonders gefährdet sind junge Menschen, die aus familiären oder institutionellen Abhängigkeiten heraus keine ausreichenden finanziellen und sozialen Alternativen haben.
2. Wohnungslosigkeit bleibt häufig unsichtbar
Viele Betroffene schlafen zunächst bei Freund*innen, wechseln zwischen unsicheren Wohnmöglichkeiten oder verbleiben in einem gewaltvollen und diskriminierenden Umfeld, weil sie keine Alternative haben. Die Konzentration auf Straßenobdachlosigkeit greift deshalb zu kurz. Auch Couchsurfing und andere prekäre Wohnformen müssen als Wohnungsausschluss wahrgenommen werden.
3. Diskriminierung erschwert den Zugang zu Hilfsangeboten
Die Befragung zeigt deutliche Defizite bei der Sicherheit und Inklusivität bestehender Angebote: Nur 5 % der Befragten bewerteten allgemeine Angebote der Jugendwohnungslosenhilfe als ausreichend darauf vorbereitet, LGBTQI-Jugendliche sicher und angemessen zu unterstützen. 46 % sahen diese Voraussetzungen als nicht gegeben an, weitere 29 % nur teilweise.
4. Es fehlen Prävention und kontinuierliche Unterstützung
Insbesondere beim Übergang aus der Kinder- und Jugendhilfe in ein eigenständiges Leben bestehen erhebliche Lücken: Nur 4 % der Befragten berichteten von klaren Maßnahmen zur Unterstützung von LGBTQI-Jugendlichen beim Verlassen von Pflege- und Betreuungseinrichtungen. Fehlende Anschlussversorgung erhöht das Risiko von Wohnungsunsicherheit und Wohnungslosigkeit.
5. Spezialisierte und allgemeine Hilfsangebote müssen zusammenspielen
Die Studie betont, dass es sowohl eine Öffnung und Qualifizierung der allgemeinen Wohnungslosenhilfe als auch den Ausbau spezialisierter Angebote braucht. Dazu gehören geschulte Fachkräfte, Schutz vor Diskriminierung, sichere Unterbringungsmöglichkeiten sowie eine bessere Vernetzung mit Gesundheitsversorgung, Jugendhilfe und psychosozialen Diensten.
IGLYO und FEANTSA fordern deshalb eine frühzeitige Prävention von Wohnungslosigkeit, einen besseren Zugang zu leistbarem und dauerhaftem Wohnraum, diskriminierungsfreie und sichere Unterbringungsangebote sowie eine stärkere Qualifizierung und Vernetzung der Hilfesysteme. Die Einbindung der Betroffenen in die Entwicklung von Angeboten soll dabei selbstverständlich sein.
Die zentrale Botschaft: Wohnungslosenhilfe heißt nicht nur ein Bett mit einem Dach über dem Kopf, sondern die Gewährleistung von Sicherheit, Schutz und Anerkennung. Ein Zuhause ist erst dann ein Zuhause, wenn Menschen dort ohne Angst und Diskriminierung leben können.
Die europäische Studie knüpft hier an Erkenntnisse an, die bereits der Forschungsbericht „LGBTIQ+ in der Wiener Wohnungslosenhilfe“ (2023) für Österreich sichtbar gemacht hat. Beide Untersuchungen zeigen, dass queere Menschen nicht nur aufgrund von Diskriminierung und Ausgrenzung einem erhöhten Risiko von Wohnungslosigkeit ausgesetzt sind. Auch die Hilfesysteme selbst müssen kritisch daraufhin überprüft werden, ob sie Schutz, Sicherheit und bedarfsgerechte Unterstützung gewährleisten. Während die Wiener Studie konkrete Erfahrungen und strukturelle Herausforderungen innerhalb der Wohnungslosenhilfe beleuchtet, erweitert der europäische Bericht die Perspektive um Prävention, Jugendhilfe und die gesellschaftlichen Ursachen von Wohnungslosigkeit. Zusammen unterstreichen sie: Ein sicheres Zuhause und diskriminierungsfreie Unterstützung dürfen keine Frage der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität sein.
