Wohnungslosigkeit im Alter beginnt nicht erst auf der Straße.
Sie beginnt dort, wo Wohnraum unsicher, unbezahlbar, ungeeignet oder nicht mehr selbstständig bewältigbar wird.
Der 11. Report über Wohnungslosigkeit vom europäischen Dachverband, der FEANTSA, und der französischen Fondation pour le Logement liegt vor. Unter dem Titel „Older people facing housing exclusion: the invisible crisis“ richtet der diesjährige Report den Blick auf eine häufig unterschätzte Dimension von Wohnungsausschluss: die zunehmende Wohnungsunsicherheit älterer Menschen. Insgesamt schlafen 1,4 Millionen Menschen in Europa auf der Straße, leben in Notunterkünften oder nutzen spezielle Wohnungslosenhilfe-Angebote – so die aktuelle FEANTSA-Schätzung. Wohnungslosigkeit nimmt europaweit weiter zu. Gleichzeitig geraten Notsysteme an ihre Kapazitätsgrenzen; Wartelisten wachsen und Aufenthalte in Notunterkünften werden länger, weil es an dauerhaften Wohnlösungen fehlt. Mindestens 170.000 ältere Menschen sind europaweit obdachlos, wobei die FEANTSA von einer erheblichen Dunkelziffer ausgeht. Gleichzeitig leben viele weitere ältere Menschen in unsicheren, unzureichenden oder nicht mehr leistbaren Wohnverhältnissen.
Den Report findet ihr hier, den Launch zum Nachhören hier:
Für uns als Forum Wohnungslosenhilfe sind vor allem jene Erkenntnisse des Berichts wichtig, die zeigen, wie Wohnungslosigkeit entsteht, welche strukturellen Ursachen dahinterliegen und welche Problemlagen über die akute Wohnungslosigkeit hinausreichen.
- Wohnungslosigkeit ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem. Der Bericht beschreibt steigende Wohnungslosigkeit in Europa, überlastete Notsysteme, wachsende Wartelisten und immer längere Aufenthalte in Notunterkünften. Wo leistbarer Wohnraum fehlt, können soziale Hilfesysteme Wohnungslosigkeit letztlich nur verwalten, nicht beenden.
- Wohnungsausschluss beginnt lange vor der Straße. Der Overview nimmt ausdrücklich auch unsichere und ungeeignete Wohnverhältnisse in den Blick: steigende Wohnkosten, drohende Delogierung, schlechte Wohnqualität, Energiearmut und Wohnungen, die im Alter nicht mehr selbstständig erhalten oder bewältigt werden können. Damit verbindet der Bericht Wohnungslosigkeit unmittelbar mit der Frage nach einem ausreichenden und leistbaren Wohnungsangebot.
- Der Wohnungsmarkt ist ein zentraler Teil des Problems. Besonders eindrücklich ist die Verbindung von wirtschaftlicher Vulnerabilität, Abhängigkeit vom Wohnungsmarkt und fehlenden passenden Wohnangeboten. Der Bericht macht damit deutlich: Wer über wenig Einkommen verfügt, ist den Entwicklungen von Mieten, Immobilienpreisen und Wohnungsangebot besonders stark ausgesetzt.
- Wohnen ist Gesundheits-, Wohn-, Sozial- und Menschenrechtspolitik zugleich. Gerade für ältere Menschen ist Wohnen laut FEANTSA eine grundlegende Voraussetzung für Gesundheit, Autonomie, Privatsphäre und Würde. Wohnungsversorgung und soziale bzw. gesundheitliche Unterstützung dürfen deshalb nicht isoliert voneinander betrachtet werden.
- Soziale Organisationen können strukturelle Wohnungsprobleme nicht kompensieren. Der Bericht warnt zugleich vor einer Entwicklung, in der angesichts überlasteter Systeme der Zugang zu Angeboten zunehmend eingeschränkt wird. Statt Versorgung auszubauen, werden Zugangsvoraussetzungen verschärft und Menschen aus Hilfesystemen ausgeschlossen.
- Es braucht politische Verantwortung statt weiterer Verwaltung der Krise. Die FEANTSA fordert, die mittlerweile breite politische Anerkennung von Wohnungslosigkeit in konkrete, messbare und ausreichend finanzierte Maßnahmen zu übersetzen. Das schließt eine Politik ein, die leistbaren und dauerhaft verfügbaren Wohnraum schafft und Wohnungslosigkeit präventiv verhindert.
Damit stärkt der aktuelle europäische Bericht zentrale Anliegen unseres Grundsatzpapiers: wer Wohnungslosigkeit nachhaltig beenden will, muss die strukturellen Bedingungen in den Blick nehmen, unter denen Menschen wohnen – oder eben nicht wohnen können.
