Kommunaler Wohnbau ist soziale Infrastruktur und keine Ware

Offener Brief warnt vor dem Ausverkauf kommunaler Wohnungen und fordert eine gemeinwohlorientierte Wohnpolitik. Denn wer öffentlichen Wohnraum privatisiert, schwächt ein zentrales Instrument gegen Wohnungsnot und soziale Ungleichheit.

Der kommunale Wohnbau ist eine tragende Säule der österreichischen Wohn- und Sozialpolitik. Doch angesichts angespannter Gemeindebudgets werden immer mehr kommunale Wohnungen verkauft. Der offene Brief „Kommunaler Wohnbau ist soziale Infrastruktur und keine Ware“ warnt vor den langfristigen Folgen dieser Entwicklung – und fordert Bund, Länder und Gemeinden auf, öffentliche Wohnungsbestände zu erhalten, auszubauen und konsequent am Gemeinwohl auszurichten.

Ein besonders drastisches Beispiel ist Wiener Neustadt: Bis Ende September 2026 wurden mehr als drei Viertel des kommunalen Wohnungsbestands verkauft. Die öffentliche Hand verliert damit nicht nur Wohnungen, sondern auch Einfluss auf Grundstücke, Mietentwicklung und die langfristige Gestaltung des lokalen Wohnungsmarktes.

Weniger Gemeindewohnungen bedeuten weniger leistbaren und sicheren Wohnraum! Privatisierungen bergen das Risiko steigender Mieten, sozialer Verdrängung und einer Verschlechterung der Wohnbedingungen. Gerade Menschen mit niedrigen Einkommen und in prekären Lebenslagen haben kaum Möglichkeiten, auf teure oder unsichere Wohnverhältnisse auszuweichen. Hohe Wohnkosten verschärfen soziale Ungleichheit und erhöhen das Risiko, dass Menschen bei Gesundheit, Ernährung oder Energieversorgung sparen müssen. Damit steigt auch das Risiko von Wohnungsverlust und Wohnungslosigkeit.

Aus wohnungspolitischer Sicht ist kommunaler Wohnbau deshalb weit mehr als die Bereitstellung einzelner Wohnungen: Er ermöglicht der öffentlichen Hand, Wohnraum langfristig leistbar zu halten, soziale Durchmischung zu fördern und der Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte entgegenzuwirken. Aus sozialpolitischer Sicht schafft er Sicherheit und Stabilität – grundlegende Voraussetzungen für gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben.

Der offene Brief fordert daher ein klares politisches Bekenntnis zum Erhalt, zur Förderung, zur Qualitätssicherung und zum Ausbau des Gemeindebaus. Geplante Verkäufe sollen gestoppt, öffentliche Wohnungsbestände instand gehalten und Boden sowie Wohnraum dauerhaft in gemeinwohlorientierter Verantwortung gesichert werden. Die zentrale Botschaft lautet: Sozialpolitik ist Wohnpolitik.

Eine fachübergreifende Allianz für das Recht auf Wohnen

Verfasst wurde der offene Brief von drei Personen mit unterschiedlichen fachlichen Perspektiven: Carina Sacher, Wohnforscherin am ETH Wohnforum in Zürich und Vorstandsmitglied des ORTE Architekturnetzwerks Niederösterreich, Gabu Heindl, Architektin in Wien und Professorin an der Universität Kassel, sowie Alexander Machatschke, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO). Siehe dazu auch den Kommentar der anderen/Der Standard.

Die Zusammensetzung verbindet Wohnforschung, Architektur und Wohnungslosenhilfe. Gemeinsam stellen die Autor*innen die Frage, wem Wohnraum und Boden dienen sollen: privaten Renditeinteressen oder dem gesellschaftlichen Bedarf an leistbarem, sicherem Wohnen.

Die BAWO bringt dabei die Perspektive der Wohnungslosenhilfe und die sozialpolitische Forderung nach einem gesicherten Zugang zu Wohnraum ein. Als bundesweite Interessenvertretung im Feld der Wohnungslosenhilfe macht sie deutlich, dass Wohnungslosigkeit nicht allein durch individuelle Unterstützungsangebote bekämpft werden kann. Es braucht auch strukturelle Rahmenbedingungen, die Wohnungsverlust verhindern und ausreichend leistbaren Wohnraum sichern.

Der offene Brief vom 19. Oktober 2026 richtet sich an die österreichische Bundesregierung sowie an die zuständigen politischen Vertreter*innen auf Landes- und Gemeindeebene. Er wird von zahlreichen Menschen aus Wissenschaft, Architektur, Sozialarbeit, Wohnungswesen und Zivilgesellschaft unterstützt.

Für die Wohnungslosenhilfe ist die Botschaft eindeutig: Wer Wohnungslosigkeit wirksam bekämpfen will, muss leistbaren Wohnraum sichern und öffentliche Verantwortung für das Wohnen stärken. Gemeindebau ist keine beliebige Immobilie, die bei finanziellen Engpässen veräußert werden kann. Er ist soziale Infrastruktur – und eine wesentliche Voraussetzung für das Recht auf Wohnen.

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