Corona und die Wohnungslosenhilfe in Europa

Ein Bericht von Alexander Machatschke, Geschäftsführer der BAWO und Mitglied des Administrative Council der FEANTSA, über die aktuelle Situation in Europa sowie empfohlene Maßnahmen und Forderungen seitens des europäischen Dachverbandes FEANTSA für wohnungslose Menschen.

Abstand halten, Social Distancing, Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen sind die Schlagworte dieser Krise geworden. Aber was bedeutet das für Menschen, die kein Zuhause haben? Wie Abstand halten, wenn man in einem Mehrbettzimmer schlafen muss? Wie erlebt man Social Distancing, wenn man schon davor an den Rand der Gesellschaft gedrängt war?

Die Corona-Krise offenbart strukturelle Probleme im Bereich Wohnen und Armutsbetroffenheit.

In diesem Beitrag soll es in erster Linie um die Aktivitäten der Wohnungslosenhilfe (WLH) in Europa gehen. Insbesondere sollen Empfehlungen und Aussendungen des Europäischen Dachverbandes der Einrichtung der Wohnungslosenhilfe (FEANTSA) betrachtet werden.

Zu Beginn der Pandemie war die Sorge vor Ansteckung der Nutzer*innen der WLH-Einrichtungen sehr hoch. Insgesamt wurden die Erwartungen glücklicherweise, zumindest während der ersten Welle, nicht erfüllt und die Infektionszahlen in den Einrichtungen blieben gering. Warum dies so war, wird in der Aufarbeitung zu klären sein. Mit Beginn der zweiten Welle stiegen die Infektionszahlen insgesamt, und auch die Zahlen in den Einrichtungen. Aber noch sind die Infektionsraten nicht überdurchschnittlich.

Von Seiten FEANTSAs gab es während der Pandemie unzählige Aufrufe an die EU-Kommission und die Mitgliedsstaaten. Diese Aufrufe finden sich großteils auf den Sozialen Medien (siehe unten) und auf der Homepage der FEANTSA (https://www.feantsa.org/en). Die wichtigsten Inhalte werden in weiterer Folge kurz dargestellt.

Maßnahmenempfehlungen und Forderungen

Europa ist jetzt das Epizentrum der eskalierenden Covid 19-Pandemie. Obdachlose sind besonders anfällig für das Virus und dürfen von Behörden in ihrer Antwort auf die Krise nicht „zurückgelassen“ werden.

FEANTSA fordert die Behörden auf lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Ebene auf, sieben Maßnahmen zum Schutz von Obdachlosen und der öffentlichen Gesundheit zu ergreifen:

  1. Testen von obdachlosen Menschen
    Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, sollten für Tests priorisiert werden. Sie sind eine medizinisch gefährdete Gruppe. Sie sind gezwungen, an Orten zu leben, die bei einer Pandemie gefährlich sind – öffentlicher Raum, Lager, Unterstände, vorübergehende Unterbringung. Testen ist der einzige Weg um zu verhindern, dass diese Orte zu Infektionsclustern werden.
  2. Unterbringung von obdachlosen Menschen
    Die Behörden sollten alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um obdachlose Menschen mit angemessenen Notunterkünften zu versorgen. Dies sollte es ihnen ermöglichen, sich selbst zu isolieren, d. h. privaten Raum zu haben zum Essen, Schlafen und Waschen. Die Behörden sollten dringend Maßnahmen zur Mobilisierung geeigneter Unterkünfte für diesen Zweck ergreifen: leer stehende Wohnungen, Touristenwohnungen, Hotels, Studentenwohnheime, Kasernen etc.
  3. Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe so sicher wie möglich machen
    Es sollten alle Maßnahmen getroffen werden, um sicherzustellen, dass Menschen, die auf Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, wie Unterbringung und Lebensmittelverteilung, angewiesen sind, so sicher wie möglich sind. Behörden sollten Leitlinien ausgeben und Ressourcen zur Erleichterung sozialer Distanzierungs- und Hygienemaßnahmen bereitstellen. Es braucht eine Notfallplanung. Zum Schutz der arbeitenden Mitarbeiter*innen und Freiwilligen sind dringende Maßnahmen erforderlich.
  4. Gewährleistung des Zugangs zur Gesundheitsversorgung für obdachlose Menschen
    Es ist allgemein bekannt, dass obdachlose Menschen Schwierigkeiten haben, Zugang zu Gesundheitsdiensten zu erhalten; besonders zur primären Gesundheitsversorgung und zu Informationen zur öffentlichen Gesundheit. Eine gezielte Kontaktaufnahme ist erforderlich, um sicherzustellen, dass obdachlose Menschen während der Pandemie Zugang zur Gesundheitsversorgung haben.
  5. Gewährleistung des Zugangs zu Nahrungsmitteln und Hygiene für obdachlose Menschen
    Der Zugang zu Nahrungsmitteln und Hygiene kann für obdachlose Menschen ein täglicher Kampf sein. Viele der Dienstleistungen, auf die sie sich verlassen – öffentliche Toiletten, Suppenküchen, Tagesstätten – sind durch die Pandemie geschlossen oder zu unsicher. Behörden müssen dringend handeln um sicherzustellen, dass obdachlose Menschen Zugang zu sicherer Hygiene, sanitären Einrichtungen oder Nahrungsmitteln haben.
  6. Verhindern, dass Menschen obdachlos werden
    Durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid 19-Krise werden viele Menschen von Obdachlosigkeit bedroht. Die Behörden müssen schnell handeln, um zu verhindern, dass aufgrund der Pandemie eine Delogierungswelle kommt. Sie müssen Maßnahmen ergreifen, um Räumungen zu verhindern, Einkommen zu sichern und Unterstützung zu leisten für diejenigen, die mit Miet- oder Hypothekenkosten zu kämpfen haben. Sie müssen dafür sorgen, dass Unterstützung und alternative Unterbringungsmöglichkeiten für Opfer von häuslicher Gewalt und Missbrauch, die nicht sicher sind, zur Verfügung stehen.
  7. Schutz von obdachlosen Menschen vor Strafmaßnahmen
    Obdachlose Menschen dürfen nicht dafür bestraft werden, dass sie sich im öffentlichen Raum aufhalten. Sie müssen vor Geldstrafen und anderen Sanktionen geschützt werden. Stattdessen brauchen sie sichere Alternativen zum öffentlichen Raum.

Corona hat das Leben der allermeisten Menschen stark beeinflusst. Aber während die einen darüber klagen, dass sie den gewünschten Urlaub nicht antreten können oder nicht unbeschränkt lange feiern dürfen, sind die anderen in ihrer gesamten Existenz bedroht. Das betrifft besonders armutsbetroffene Menschen und da wiederum noch einmal stärker Obdach- und Wohnungslose.

Obdach- und Wohnungslosigkeit sind aber keine Naturgesetze oder unabwendbare Katastrophen. Die Vorschläge, wie wir sie verhindern können, liegen auf dem Tisch[1]. Jetzt braucht es nur den politischen Willen, diese durchzusetzen.

Webinare der FEANTSA zum Thema Covid 19 auf youtube:

Trauma Informed Tips during Covid19

Domestic abuse & sexual violence guidance for homeless services during the COVID outbreak

Preventing Child Sexual Abuse during COVID 19 Lockdown

Covid19, Self-Care & Focused Oriented Art Therapy

Supporting Resilience in Clients and Ourselves during Covid 19

Eating Disorders, Anxiety, Stress & Covid19

Covid19 & Rough Sleepers How to Treat & Prevent Covid19

Covid-19 and Homelessness

COVID-19

Twitter-Account der FEANTSA:

https://twitter.com/FEANTSA

FEANTSA auf facebook:

https://www.facebook.com/FEANTSA


[1] BAWO, Wohnen für alle

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